Portrait: Ingrid und Franz Grosser, die Geflügelspezialisten von Ergolding

Den Prospekt muss sie uns unbedingt zeigen. "Da werben diese Großagrarier doch glatt mit einem Huhn auf der Wiese!" Ingrid Grosser läuft hinein ins Haus, um diese unlautere Werbung zu suchen. Sie kann sich heftig aufregen über die Hühnerfarmer, die den Verbrauchern ständig romantische Bilder vorgaukeln. "Romantische Bilder sind nicht Realität! Ich kann nicht ganz TAGWERK beliefern, wenn da nur ein paar vereinzelte Hennen im Garten rumlaufen." Ingrid verschwindet im Büro, derweil führt uns Franz in den neuen Stall. Tatsächlich, im ersten Moment ist man irritiert. Sind wir in einer Legebatterie gelandet? Hennen, Hennen, Hennen, ein riesiges Gegacker. Aber dann sehen wir genauer hin: die Tiere haben volle Bewegungsfreiheit, sie können am Boden scharren, können auf eine halbhohe und auf eine noch höhere Etage flattern, und vor allem: sie können ins Freie hinaus. Da ist ein überdachter Auslauf, der "Wintergarten", und von dem aus geht's auf die große Wiese. Die Luft im Stall ist ausgesprochen gut, und die Hennen haben prächtiges braunes Gefieder. Für dreieinhalbtausend Hennen ist der Stall zugelassen, zweitausend sind aber momentan nur drin. Nur? Wir lernen, dass es Betriebe mit 500.000 Hennen gibt. Also sind die insgesamt 4000 Hennen bei den Grossers ein relativ kleiner Bestand.

Schon viermal umgebaut

Als Franz und Ingrid Grosser 1989 geheiratet und den Hof übernommen haben, ahnten sie nicht, dass sie eines Tages Geflügelspezialisten werden würden. Damals lebte der Betrieb vom Milchvieh, und nebenbei liefen 200 Hennen am Hof mit. Geprägt durch Pioniere wie Franz Aunkofer, den sie durch die Landjugend kennen gelernt hatten, stellten sie sogleich auf biologische Wirtschaftsweise um. "Ich wollte auf jeden Fall Bauer bleiben" sagt Franz Grosser. "Aber der Kuhstall war zu klein, die Frage war: was macht man." Auf der Suche nach Abnehmern für ihre ersten biologisch produzierten Eier stießen die Grossers auf TAGWERK. Dort war die Nachfrage so groß, dass die Grossers bald ihren Hennenbestand aufstockten. Es war die Zeit, wo Eier erstmals in die Bioläden Eingang fanden, natürlich nur unter strengen Auflagen: nach Gewicht sortiert mussten sie sein. "Damals haben wir noch überlegt, wer sich die Sortiermaschine kaufen soll: TAGWERK oder wir" erzählt Ingrid Grosser. Die Maschine erwies sich als kluge Investition, denn der Bedarf an Eiern wuchs und wuchs. Jedes Jahr wurden mehr Legehennen angeschafft, und als der Platz im alten Wohnhaus, das zum Stall umfunktioniert worden war, nicht mehr reichte, bauten die Grossers andere Gebäude zu Stallungen aus. Bald wurden auch Masthähnchen aufgezogen.
 

die Gefriertruhe

Das Wachstum kostete natürlich Lehrgeld; nicht jeder Entwicklungsschritt vollzog sich reibungslos. "Wie wir zum ersten Mal Gickerl geschlachtet haben und sie verkaufen wollten, ist die Hälfte in unsere Gefriertruhe gewandert" erzählt Franz. Alle Erfahrungen mussten sich die Grossers selber erarbeiten. "Die Biobauern, die heut anfangen, haben's viel leichter", meint Franz, "denn die Erfahrungen sind jetzt schon da. Wir als Pioniere haben viel experimentieren müssen. Bei uns sind zum Beispiel Stallungen dabei, die hab ich schon viermal umgebaut." Allerdings scheint den Grossers das Experimentieren irgendwie zu liegen. Nicht nur, dass sie neben Hühnern auch noch Enten, Gänse und einige Puten halten - sie probieren auch allerlei technische Neuheiten aus. Zum Beispiel den Mobilstall. Den haben sie auf einer Ausstellung gesehen und sofort zwei Stück angeschafft. Der Mobilstall ist eine Halle mit Tonnendach, die wie ein Schlitten auf zwei großen Metallkufen steht und vom Bulldog gezogen werden kann. Damit begegnet man dem Problem, dass die Hennen sich nicht so gern weit von ihrem Nest wegbewegen. Indem man ihr Nest verlagert, kann man also immer neue Flächen "beweiden" und dadurch verhindern, dass auf den Boden zu viel Stickstoff (durch den Kot) eingetragen wird.

Das Schnittlauchdach

Die Grossersche Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Techniken ist außerdem an den Dächern abzulesen: vom Dach des neuen Stalls schillert uns eine riesige Photovoltaikanlage entgegen, und das Dach des Schlachthauses ist - was man bei Dächern dieser Neigung sonst nur aus Skandinavien kennt - ein Grasdach. Wobei der Ausdruck "Grasdach" nicht so ganz zutrifft. Die verschiedensten Kräuter wachsen dort und verändern je nach Jahreszeit das Gesicht des Hauses. "Wie der Schnittlauch geblüht hat, da hat's besonders schön ausgeschaut" schwärmt Ingrid. Ingrid Grosser hat drei Berufe. Der erste ist Steuerfachgehilfin, darin hat sie 1989 ihren Abschluss gemacht. Die zweite Ausbildung, zur Hauswirtschafterin, hat sie 1997 abgeschlossen. "Wenn man so viel Arbeit am Hof hat, muss es im Haushalt rationell zugehen. Und da sag ich: glernt is glernt!" Nächstes Jahr will sie noch die Meisterprüfung draufsetzen. Der dritte Beruf hat ihr das nötige Spezialwissen für die Geflügelhaltung gebracht: 1998 hat sie den Abschluss als "Tierwirtin für Geflügel" erworben. Die ganze Büroarbeit ist fest in Ingrids Hand, "bei uns herrscht Gewaltenteilung".

Henne Berta ganz allein Dass bei der vielen Arbeit das Familienleben zu kurz zu kommen droht, haben die Grossers eingesehen. Schließlich wollen Daniel (9), Rebecca (7) und Maria (knapp 3) auch was von ihren Eltern haben. "Drum schränken wir die Direktvermarktung jetzt ein" sagt Ingrid. Das heißt: kein Marktstand mehr in der Landshuter Altstadt. Auch der Gemüsegarten ist auf ein Minimum geschrumpft: ein kleines Gewächshaus mit Tomaten, ein Beet mit Kräutern. Für die restliche Gemüsezucht ist die Oma zuständig. Auch der Opa ist fest eingebunden: er kümmert sich um die Rinder, die es am Grosserhof nach wie vor gibt. "Die Rinder passen halt gut in die Fruchtfolge" erklärt Franz. Denn Kleegras ist ein unentbehrlicher Bodenverbesserer im ökologischen Landbau. Zwischen den Getreidesaaten (Weizen und Hafer fressen die Hühner) muss Kleegras angebaut werden, damit sich wieder Stickstoff im Boden anreichern kann. Und hätte man keine Verwertung für das Gras, müsste man es unterpflügen. Den Prospekt hat Ingrid nicht gefunden. Kaum war sie im Büro, sind wieder andere Dinge auf sie eingestürmt. Macht nichts, wir können es uns schon vorstellen: glückliche Henne Berta allein auf grüner Wiese soll den Verbrauchern nostalgische Verhältnisse vorgaukeln. Die Grossers spielen nicht mit solchen falschen Karten. Sie haben ihren Betrieb an die Erfordernisse einer - relativ - großen Produktion angepasst. Und sie können ihren Betrieb sehen lassen.

Hanna Ermann