Den Prospekt muss sie uns unbedingt zeigen. "Da werben diese Großagrarier doch glatt mit einem Huhn auf der Wiese!" Ingrid Grosser läuft hinein ins Haus, um diese unlautere Werbung zu suchen. Sie kann sich heftig aufregen über die Hühnerfarmer, die den Verbrauchern ständig romantische Bilder vorgaukeln. "Romantische Bilder sind nicht Realität! Ich kann nicht ganz TAGWERK beliefern, wenn da nur ein paar vereinzelte Hennen im Garten rumlaufen." Ingrid verschwindet im Büro, derweil führt uns Franz in den neuen Stall. Tatsächlich, im ersten Moment ist man irritiert. Sind wir in einer Legebatterie gelandet? Hennen, Hennen, Hennen, ein riesiges Gegacker. Aber dann sehen wir genauer hin: die Tiere haben volle Bewegungsfreiheit, sie können am Boden scharren, können auf eine halbhohe und auf eine noch höhere Etage flattern, und vor allem: sie können ins Freie hinaus. Da ist ein überdachter Auslauf, der "Wintergarten", und von dem aus geht's auf die große Wiese. Die Luft im Stall ist ausgesprochen gut, und die Hennen haben prächtiges braunes Gefieder. Für dreieinhalbtausend Hennen ist der Stall zugelassen, zweitausend sind aber momentan nur drin. Nur? Wir lernen, dass es Betriebe mit 500.000 Hennen gibt. Also sind die insgesamt 4000 Hennen bei den Grossers ein relativ kleiner Bestand.
Die Grossersche Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Techniken ist außerdem an den Dächern abzulesen: vom Dach des neuen Stalls schillert uns eine riesige Photovoltaikanlage entgegen, und das Dach des Schlachthauses ist - was man bei Dächern dieser Neigung sonst nur aus Skandinavien kennt - ein Grasdach. Wobei der Ausdruck "Grasdach" nicht so ganz zutrifft. Die verschiedensten Kräuter wachsen dort und verändern je nach Jahreszeit das Gesicht des Hauses. "Wie der Schnittlauch geblüht hat, da hat's besonders schön ausgeschaut" schwärmt Ingrid. Ingrid Grosser hat drei Berufe. Der erste ist Steuerfachgehilfin, darin hat sie 1989 ihren Abschluss gemacht. Die zweite Ausbildung, zur Hauswirtschafterin, hat sie 1997 abgeschlossen. "Wenn man so viel Arbeit am Hof hat, muss es im Haushalt rationell zugehen. Und da sag ich: glernt is glernt!" Nächstes Jahr will sie noch die Meisterprüfung draufsetzen. Der dritte Beruf hat ihr das nötige Spezialwissen für die Geflügelhaltung gebracht: 1998 hat sie den Abschluss als "Tierwirtin für Geflügel" erworben. Die ganze Büroarbeit ist fest in Ingrids Hand, "bei uns herrscht Gewaltenteilung".
Henne Berta ganz allein Dass bei der vielen Arbeit das Familienleben zu kurz zu kommen droht, haben die Grossers eingesehen. Schließlich wollen Daniel (9), Rebecca (7) und Maria (knapp 3) auch was von ihren Eltern haben. "Drum schränken wir die Direktvermarktung jetzt ein" sagt Ingrid. Das heißt: kein Marktstand mehr in der Landshuter Altstadt. Auch der Gemüsegarten ist auf ein Minimum geschrumpft: ein kleines Gewächshaus mit Tomaten, ein Beet mit Kräutern. Für die restliche Gemüsezucht ist die Oma zuständig. Auch der Opa ist fest eingebunden: er kümmert sich um die Rinder, die es am Grosserhof nach wie vor gibt. "Die Rinder passen halt gut in die Fruchtfolge" erklärt Franz. Denn Kleegras ist ein unentbehrlicher Bodenverbesserer im ökologischen Landbau. Zwischen den Getreidesaaten (Weizen und Hafer fressen die Hühner) muss Kleegras angebaut werden, damit sich wieder Stickstoff im Boden anreichern kann. Und hätte man keine Verwertung für das Gras, müsste man es unterpflügen. Den Prospekt hat Ingrid nicht gefunden. Kaum war sie im Büro, sind wieder andere Dinge auf sie eingestürmt. Macht nichts, wir können es uns schon vorstellen: glückliche Henne Berta allein auf grüner Wiese soll den Verbrauchern nostalgische Verhältnisse vorgaukeln. Die Grossers spielen nicht mit solchen falschen Karten. Sie haben ihren Betrieb an die Erfordernisse einer - relativ - großen Produktion angepasst. Und sie können ihren Betrieb sehen lassen.
Hanna Ermann