Josef und Anneliese Lenz
TAGWERK-Bauern in Lengdorf
„Der Redner war toll. Den müssen wir unbedingt zu uns einladen.“ Wir stehen noch mitten im Hof, und der Lenz Sepp kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. Er war gerade zurück gekommen aus Ampfing, von einem Vortrag von Josef Feilmeier über die Gefahren der Gentechnik. Seit längerem schon engagiert er sich für dieses Thema. Denn der TAGWERK-Bauer aus Lengdorf befürchtet, dass hier „von der Industrielobby ein Großversuch gestartet werden soll, der nicht mehr rückholbar wäre.“
Jetzt aber müssen wir erst einmal um ein paar große Planen herumgehen. Ein paar Zentimeter hoch liegen kleine braune Körner darauf. Leindotter, der jetzt nachtrocknen muss. Spätestens in dem kleinen Hofladen sieht man dann, dass hier der Bauer ein absoluter Körnerfreak ist. Nicht, dass er dauernd Müsli isst, nein, hier in Lengdorf ist einer zu Haus, der schlicht davonlaufen würde, bestünde der Ackerbau nur aus dem üblichen Wechsel zwischen Mais und Weizen.
Davongelaufen, besser gesagt, weggegangen ist er übrigens schon einmal. „... hat Herr Josef Lenz die Meisterprüfung im Kfz-Mechanikergewerbe bestanden.“ Ganz hinten, zwischen einem alten Regal und der Tür hängt die Urkunde der IHK Regensburg, auf der noch eine ganz unerwartete Vergangenheit des TAGWERK-Bauern zu erkennen ist. „Ja,“ lacht er, „hier hatte ich seinerzeit einmal angefangen mit der Werkstatt. Dann hab ich mich sogar noch vergrößert, in Dorfen mit einer Vertragswerkstatt.“
Wie dann aus dem Autobastler der Körnertüftler wurde – das ist eine längere und sehr persönliche Geschichte. Hier nur soviel: Das erste Kind kam zu früh, sie waren viel im Krankenhaus. In dieser Zeit der Sorge um den Sohn , da konnte er es kaum mehr ertragen, in seiner Autowerkstatt mit Leuten umzugehen, die sich über einen Lackkratzer am Auto aufregten. „Seitdem ist uns immer klarer geworden, was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben“ resümiert Anneliese Lenz und erzählt gleich drauf, wie gut alles ausgegangen ist. Der Älteste, Josef, ist mittlerweile 18 und lernt IT-Systemelektroniker, Katharina ist 17, wird Industriekauffrau. Anna, 14, und Stefan, 12, gehen in Dorfen aufs Gymnasium.
Kopf frei für den anderen Weg
1993 war es dann endgültig so weit. Die Autowerkstatt wurde verkauft, die junge Familie ging zurück nach Lengdorf auf den Hof. Und da dort noch die Eltern das Sagen hatten, kauften sie – unterstützt vom Verkaufserlös – einen kleinen Hof am oberen Rimbach. „Da waren der Brandl Toni und die Regina unsere Nachbarn. Das traf sich ganz hervorragend.“ Denn die Brandls in Burdberg gehören ja fast zur Urgeneration der TAGWERK-Bauern. Von solchen kann man natürlich eine ganze Menge abschauen und lernen. Dazu kamen der Grundkurs im ökologischen Landbau, viele Seminarbesuche und immer wieder Felderbesichtigungen bei Kollegen. Der absolute Glücksfall jedoch, so schätzt es der Biobauer Josef Lenz heute ein, „ist die Tatsache, dass ich nie auf einer herkömmlichen Landwirtschaftsschule gewesen bin.“ So hatte er den Kopf schon viel eher frei für die ökologische Wirtschaftsweise. Wobei ihm klar ist, warum die Elterngeneration sich dem naturgemäßen Landbau so entfremdet hatte. „Da hatten die meisten eben die Erfahrung gemacht, dass sie mit dem Kunstdünger nach dem Krieg den Hunger besiegt hatten. Aber spätestens in den 70-er Jahren, als wir die ganzen Seen und Berge hatten, also den Milchsee und den Butterberg und den Rindfleischberg und so weiter, spätestens da hätte man zum Umdenken kommen müssen.“
Wenn ein Riese dein Haus umdreht
Im Augenblick sind wir froh, dass wenigstens die Lenzens das mit dem Umstellen begriffen haben. Denn der Apfelkuchen und die Auszognen aus dem hofeigenen Dinkel, den die Bäuerin gerade aufgetischt hat, schmecken vorzüglich. Was natürlich auch noch mit der Backkunst von Anneliese Lenz zu tun, die übrigens auch ihren Spaß hat mit dem Dazulernen und Umdenken. „Hauswirtschaftlicher Fachservice“ steht auf den Prospekten, der auf einen Kreis von Frauen hinweist, die professionell helfen können: Betreuung von Familienmitgliedern, Krankheitsvertretungen, Hilfe in Haus und Garten sowie ein Koch- und Backservice. „Ich bin so froh, dass ich nach meiner kaufmännischen Ausbildung auch noch Hauswirtschafterin gelernt hab, da hat man wenigstens direkt mit den Menschen zu tun,“ sagt Anneliese Lenz, der man anmerkt, dass sie sich dabei ungleich wohler fühlt als in irgendeinem Großraumbüro.
Aber zurück zu dem Mann, der für die guten Rohstoffe sorgt, die Anneliese Lenz (und viele andere) für ihre Backwaren brauchen. „Ja, des Normale halt und noch ein paar Sorten dazu“, sagt er auf die Frage, was er denn so alles anbaue auf dem elterlichen Hof in Lengdorf, den er 1999 übernommen hat. Weizen, Roggen, Gerste, Triticale und Hafer also, außerdem Dinkel, Erbsen, Ackerbohnen, Soja, Wicken, Leindotter und Lupinen. Wobei letztere ein sehr eiweißreiches Futter seien, mit dem man den massiven Sojaimport eindämmen könnte. „Es ist ja ein Wahnsinn, dass in armen Ländern Menschen verhungern, während wir mit ihrem Soja bei uns die Viecher füttern, um schneller Fleisch zu produzieren.“
Und dann erzählt er wieder vom Experimentieren auf dem Acker „Mit dem herkömmlichen Pflügen, da bringst du das ganze Bodenleben durcheinander. Das ist, wie wenn dir ein Riese dein Haus aufs Dach stellt“, erklärt er und spricht von seinem großen Ziel, dem pfluglosen Ackerbau und der ganzjährigen Bedeckung des Bodens, der besseren Durchwurzelung und damit der CO2-Speicherung. „Aber am allerwichtigsten“, so sagt er noch einmal zum Abschied, „ist der Kampf gegen den Wahnsinn mit der Gentechnik in der Landwirtschaft. Da haben wir Tagwerkler noch eine ganze Menge zu tun.“
Heiner Müller-Ermann