Zack. Jetzt sind alle gleich lang. Der auf einer Arbeitshilfe aufgerollte Docht wird mit der Schere an den markierten Stellen durchgeschnitten. Das macht Jenny. Zusammen mit unserer Praktikantin. Dann knüpft Jenny in jeden Docht einen Knoten. Immer an der gleichen Stelle. Jenny würde das am liebsten den ganzen Tag tun. Außer lachen und flirten.
In unserer Kerzenwerkstatt ist das ganze Jahr über Weihnachten. Laufend werden Advents- und Christbaumkerzen hergestellt. Außerdem Teelichter, Tafelkerzen, Taufkerzen und viele andere Kerzen in weiß oder in roten und gelben Farben. Oft brennen Kerzen zur Probe und auf dem Ofen dampft der Tee für die Pause. Berge von Geschenkschachteln, stapelweise buntes Seidenpapier und Kisten voller Kerzen stehen auf den Tischen. In der Luft hängt der unverwechselbare Duft gemütlicher Winterabende, der Duft von warmem Bienenwachs. An den Tischen und am Tauchkarussell arbeiten Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Handicaps. Manche brauchen Hilfe, andere arbeiten selbstständig, kennen die einzelnen Arbeitschritte und arbeiten ganz selbstverständlich zusammen. Eins geht ins andere. Handgezogene Kerzen aus unserer Werkstätte sind Erzeugnisse eingespielter und gut aufeinander abgestimmter Zusammenarbeit. Jeder kann mitmachen, jeder ist wichtig. Für alle gibt es eine Aufgabe.
Während Jenny knotet, reinigt Thomas kleine Gewichte aus Edelstahl, die später die Dochte während des Eintauchens in flüssiges Wachs stramm halten. Jetzt reicht ihm Jenny die bearbeiteten Dochte und Thomas klammert die Gewichte daran. Thomas weiß, dass er seine Sache gut macht und ist stolz darauf. Jetzt wandern die Dochte weiter zu Bianca, die sie in einen Metallrahmen einhängt. Bis zu fünfzig Dochte pro Rahmen. Vier fertig behängte Rahmen schiebt Bianca in die Halteschienen unseres vierarmigen Tauchkarussells. Jetzt kann Henriette loslegen und endlich Kerzen ziehen.
So entstehen 200 rote Christbaumkerzen. Wie alle anderen Kerzen unserer Werkstatt werden sie aus 100 % reinem Bienenwachs hergestellt. Zertifiziertes Wachs beziehen wir über eine Firma aus verschiedenen Ländern. In einem Spezialverfahren wird vom Hersteller das Naturprodukt ohne chemische Zusätze gereinigt. Gereinigtes Bienenwachs ist goldgelb und kann gebleicht und durch den Zusatz ökologisch unbedenklicher Farbpigmente von uns eingefärbt werden. Die Dochte übrigens bestehen aus Baumwolle. Je nach Stärke des Dochtes hat dieser eine verschiedene Anzahl von Fäden, die auf einer Flechtmaschine miteinander verflochten werden.
Etwa zwei Stunden lang taucht Henriette die Dochte immer wieder in das flüssige Wachs. Pro Tauchgang wächst der Durchmesser der entstehenden Kerze um etwa einen Millimeter. Den Taucharm runterdrücken, alle Kerzen eintauchen, langsam hochziehen, abtropfen lassen, das Karussell weiterdrehen, den nächsten Taucharm runterdrücken usw. Ganz ruhig muss alles geschehen. Nur so erhalten die Kerzen ihre gleichmäßige konische Form.
Stefan mit der Schere in Hand kann es kaum noch erwarten, die Gewichte von den fertig getauchten Kerzen abzuschneiden. Er ist ein Mann, dem vieles im Leben schwer fällt, was anderen keine Mühe bereitet. Er braucht Zeit und Unterstützung. Dafür steckt seine Begeisterung über die gelungene Leistung alle anderen an. Sein Strahlen bei dieser Arbeit trägt maßgeblich zum guten Betriebsklima und somit zur guten Leistung aller in der Kerzenwerkstatt bei.
Jetzt wandern die Kerzen weiter zum Schneideplatz. Mit Hilfe von Schablonen und einem heißen Messer werden die Kerzen von Ines und Patrick auf die fertige Länge geschnitten. Das erfordert Konzentration und Sauberkeit. Der letzte Arbeitsschritt, das Kürzen der Dochte, wird unter Anleitung abwechselnd von allen Mitarbeitern ausgeführt. Selbst Florian, der pfiffig jede Gelegenheit nutzt um zu verschwinden, ist hier mit Eifer bei der Sache. Die Kerzen werden - eine nach der anderen - fertig. In jeder einzelnen steckt viel Hingabe, Arbeitsfreude und eine oft ungeheure Willensanstrengung von Menschen, die trotz ihrer Beeinträchtigungen gute Arbeit leisten wollen. Denn ausschließlich die Qualität der Produkte rechtfertigt gute, marktübliche Preise. Die handwerkliche Qualität unsrer Kerzen ist deshalb die Grundlage für die Entwicklung von Selbstachtung und gegenseitiger Wertschätzung unserer Mitarbeiter. Mit unserer Arbeit nehmen wir aktiv teil an der Gesellschaft, sind gefragte Partner im Arbeitsleben. So gesehen leuchtet jede unserer Kerze schon bevor sie brennt. Sie gibt dem Leben Sinn, macht es einem leichter und heller. Jetzt müssen sie noch verpackt werden. Erst werden die Schachteln gefaltet, dann kommt das Seidenpapier, dann die Kerzen. Deckel drauf. Es ist eine schöne Arbeit, und jeder packt gerne mit an. Aber unter den scharfen Argusaugen der Leiterinnen unserer Werkstattgruppe muss genau und sorgfältig gepackt werden. Alles muss stimmen. Die Anzahl und die Lage der Kerzen. Wenn sich die Berge von Schachteln dann auf den Tischen türmen, weiß jeder, was er geleistet hat. Jeder hat seine Rolle gespielt bei der Umwandlung von rohem Wachs in einen Berg kleiner Kunstwerke, die als Christbaum-, Tafel- oder Taufkerzen aus dem Alltag festliche Stunden zaubern. Es sind die weichen, natürlichen Farben unserer Kerzen, die Wärme und der besondere Duft, die angenehme Erinnerungen aufleben lassen. Und natürlich die ruhig flackernde Flamme. Sie verzehrt die Materie und verwandelt Wachs in Licht. So wie im wirklichen Leben. Die Arbeit in unserer Werkstatt hilft uns, unser Schicksal anzunehmen und Probleme zu lösen. Deshalb machen wir Licht.
Höhenberger Werkstätten
Kerzenwerkstatt
Lebensgemeinschaft Höhenberg e.V.
84149 Velden
Tel. 08086/ 9313-810 / Fax -815 / E-mail: kerzenwerkstatt@hoehenberg.org
Ansprechpartnerinnen: Claudia Weber-Schröter und Angelika Lukas
Sie können unsere Kerzen außerdem über den Höhenberger Hofladen und über alle TAGWERK-Läden und andere Naturkostläden beziehen.